Indien März 2006

An Indian Skyjam


Ankunft im Land der vielen Götter
Kaum erst angekommen, mitten in der Nacht, schon sitzen Nicolas und ich im Mietwagen und fahren nach Lonavla, gleich vor Kamshet, dem bekanntesten Fluggebiet nahe Bombay. Nach einer harten Nacht auf harten und zu kurzen Matratzen in Lonavla geht’s auf den Towerhill und gleich wieder hinunter. Keiner traut sich in den thermisch-böigen Wind hinaus und wir nutzen die Zeit gleich, um nach Panchgani zu fahren, welches im Normalfall etwa zweieinhalb Stunden von Kamshet entfernt liegt.
Nun, Die Fahrt vermittelte das Gefühl, dass der Himmel wohl der sicherste Ort in Indien sei…ein-zwei Mal war dies auf meine Ungewohntheit betreffs Linksverkehr zurückzuführen. Auch gibt es sicherlich gute Gründe dafür, dass in der Mitte gefahren wird und erst nach links ausgewichen wird, wenn die Druckwelle des Entgegenkommenden deutlich zu spüren ist. Nun, es gibt ja in indien bald mehr Götter als Menschen, und die haben wohl alle Hände voll zu tun. Uns jedenfalls waren sie wohlgesinnt.
Herbeigerufen werden sie per Hupe, welche man am besten gleich mit Klebeband fixiert, oder aber mystische Tablarythmen darauf hämmert. Auch hilft es, sich im Fluss des Verkehrs, ja, allgemein des Landes, gehen zu lassen und das seitliche Kopfwackeln schon zuhause zu üben. Es ist stets ein Zeichen von Harmonie, eine Art Bejahung, welche mit einem warmen Lächeln untermalt sehr guten Anklang findet.
 
Panchgani
So gegen Fünfuhr holperten wir direkt am Startplatz Tapa ein, um gleich noch etwas herumzutollen und uns im laminaren Aufwind auszuruhen. Die Ankunft in Panchgani war perfekt. Untergekommen sind wir bei André, einem fliegenden Frankokanadier, welcher seit sieben Jahren hier lebt und sich sehr um die Gäste seines Eco-Camp kümmert.Von hier aus unternehmen wir täglich kleinere Streckenflüge. Die Landschaft ist faszinierend und nach etwa 10km Richtung Westen fällt die Landschaft dramatisch um etwa 1000m ab, und das über eine hunderte km lange Nordsüdausdehnung. Die Westklippe der Western Ghats. Natürlich muss ich der entlangfliegen, was mir beim ersten Versuch einen baldigen Absaufer und eine mehrstündige Rumpelei im Bus einbrachte.
Der Grund für meine baldige Landung waren etliche Bedenken betreffs Überlebens in der kargen, Strassenlosen Landschaft, welche über etliche Strecken aufwartete. Und mit Bedenken fliegen führt bei mir normalerweise zur frühzeitigen Landung. Auch war mein Wasservorrat an diesem Tag bescheiden.
Tags darauf, mit mehr Wasser und Mut ausgestattet, schlug ich eine andere Richtung ein. Nordwärts, und nach einer heiklen, ewiglangen Querung gelang es mir, weiter im Norden an das Riesenkliff zu kommen, wo ich mit dem steten Kribbeln eines Absaufers im Niemandsland nordwärts flog, immer weiter, immer neuen Horizonten entgegen. Ein Traum der 5h20 lang anhielt und mich mit voller Blase und ausgehungert auf ein ausgetrocknetes Reisfeld bei Patnus warf.
Die Dauer der Blasenentleerung deckte sich Haargenau mit derjenigen, welche die Gesamte Bevölkerung von Patnus brauchte, um das Feld zu erreichen. Es wird viel gelacht, mein Hindi überstrapaziert (allerdings auch jenes der Einheimischen, welche vor allem Marati sprechen), und die Gruppenfotos runden den herzlichen Empfang des Ausserirdischen ab. Im Dorf folgt eine Autogrammstunde und daraufhin die Organisation der Rückreise. Nun, anfangs war ich etwas enttäuscht darüber, dass es nur 80km waren, aber nach 5h Truck, Bus und Rumpelriksha war ich mir sicher, dass es einen grossen Unterschied zwischen Europäischen und Indischen Kilometern gab.
Und dazu wurde mir zu einem angeblichen Lokalrekord gratuliert…Aber was zählt für mich, ist das Erlebnis, das Gefühl von Ausgesetztheit, und anschliessend die tolle Begegnung mit der hiesigen Bevölkerung.
Die nächsten Tage flogen Nicolas und ich einige kleiner Dreiecke und wir genossen die Stunden am Himmel eines Landes voller Mythen und Schönheit.
Zur morgendlichen Rituellen Waschungszeremonie gehörten Dinge wie das Vertreiben der Frösche aus dem Lavabo oder dem WC, oder das Entfernen von Skorpionen vom Weg und dergleichen. Abends verwöhnte uns die indische Küche mit nicht zu merkenden Namen von äusserst feinen Dingen (ich empfehle veg.Kadai), begleitet von Lassi und leider auch darauffolgenen Magenkrämpfen mit allem, was dazugehört.Nach einer Weile weiss man etwa, welche Restaurants keine unmittelbare Magen- und Darmentleerungen verursachen.
Goa
Wir verbrachten auf dem Weg nach Goa eine Nacht in Harnai, einem verschlafenen urindischen Fischerdorf. Bei gutem Seewind kann dort wunderbar gesoart werden. Wir erwischten es nicht. Gegen Mittag ging’s weiter nach Goa, wo wir uns gegen Acht Uhr Abends todmüde auf die Klippe bei Anjuna schleppten und tatsächlich noch Stundenlang bei Vollmond umhersoaren und spielen konnten. Eine fantastische Ankunft, begleitet von Live-Getrommel und von weither dröhnendem Goatrance…Genauso haben wir uns Goa vorgestellt.
Das Essen war so gut, dass wir es leider gleich wieder von uns gaben, meine Wenigkeit beschäftigte sich damit die ganze Nacht. Naja, keine halben Sachen, raus mit dem Zeug. Auch in Goa gilt es, die verschiedenen Restaurants auf ihre Sauberkeit zu prüfen. Wir fühlen uns wie die Sauberkeitstestforellen des Zürcher Wasserwerks….Nach drei Tagen Anjuna kamen uns keine neuen Spielereien mehr in den Sinn, was uns zur Dislokation nach Arambol veranlasste.
Dort warteten etwas höhere Hügel darauf, bewingovert zu werden. Weitere drei anstrengende Tage an der Sonne mit viel baden, Ananasessen und Ausruhen gaben uns einen Vorgeschmack aufs Paradies…
Kamshet
Nachdem mich Nicolas in Goa in Richtung Schweiz verlassen hat, kehre ich mit Steve, einem Britschen Kumpel, und Sara, seiner Flugschülerin, nach Panchgani zurück. Die ersten 30km kosteten uns aufgrund eines Platten Reifens, sowie eines nach Drogen suchenden Police-Wallahs (Hindi, Wallah: Mann, der ….tut/macht/hat) geschlagene zwei Stunden, aber was soll’s, wir nehmen’s ruhig.
In Panchgani erwarteten uns nicht gerade schulungstaugliche Bedingungen, aber von etwa Fünf Uhr an konnten wir jeden Abend super soaren im Aufwind, der Abends durch das Aufsteigen überhitzter Luft entsteht, welche wahrscheinlich durch kalte Luft unten im Tal verdrängt wird und aus irgendwelchen Gründen den Hängen nach hochsteigt.
Die Entstehung dieses Windes, der mal aus Osten, mal aus Westen an das Bergdorf bläst, ist mir immer noch etwas Rätselhaft, aber einem geschenkten Gaul guckt man ja bekanntlich nicht ins Maul.
Nach einer gemütlichen Woche mit viel Soaren in Indiens Sonnenuntergänge hinein, fuhr ich noch nach Kamshet, wo ich wenig später noch am Shelar, einer superschönen, etwa zwei km langen Klippe in die untergehende Sonne hineinsoarte.
Am nächsten Tag konnte ich vom Towerhill aus einen netten kleinen Flug mitten in die Pampa wagen, nordwärts über zwei Seen und ein paar Täler mit beeindruckenden Felsmassiven hinweg.
Ich fand mich nach ein paar Stunden auf einer Dorfstrasse landend wieder. Eine fünfstündige Heimreise per Sammelriksha, Bus, Zug und noch mal Riksha rundete meinen Indientrip ab. Ich habe es kein einziges Mal bereut, loszufliegen, über unbekannte Gegenden, unwissend, wo der Flug enden wird. Einzig in der Gewissheit, das man fast nirgends ganz alleine ist, in jeder Ortschaft ein Bus oder eine Riksha, oder ein Truck vorbeikommt.
Wo ich auch landete, fand ich Hilfsbereitschaft und liebenswert neugierige Gesichter. Mit ein paar Brocken Hindi war es zumeist ein Leichtes, wieder zurückzufinden, wenn auch die Zeit dabei eine nebensächliche Rolle spielte. Und das Kopfwackeln konnte ich am Schluss der Reise auch. Jetzt muss ich es mir wieder abgewöhnen, denn die Schweizer Bevölkerung guckt mich dabei wie einen Ausserirdischen an…